Sunrise am Grödner Joch

Manchmal entstehen die schönsten Touren genau dann, wenn man sich nicht sicher ist, ob man überhaupt losfahren sollte.

Eigentlich war der Plan ein anderer. Nach dem Dolomites Bike Day wollten wir den Samstagabend am Grödner Joch verbringen. Kamera dabei, Sonnenuntergang, leere Passstraße – zumindest war das die Idee. Daraus wurde allerdings nichts. Für unsere größere Gruppe war längst ein Tisch in einer Pizzeria reserviert. Im Nachhinein war das sogar gut so, denn am Abend zog eine geschlossene Wolkendecke auf. Es wurde dunkel, regnete und gewitterte. Der Sunset Ride war erledigt, bevor er überhaupt begonnen hatte.

Also Plan B. Sonnenaufgang.

4 Uhr morgens

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Frühaufsteher bin. Umso erstaunlicher, dass ich an diesem Morgen freiwillig um vier Uhr auf dem Balkon unserer Ferienwohnung in Stern stand und in den Himmel schaute.

Blick vom Balkon vor der Fahrt und ein kurzer Wettercheck

Das Problem: Die Wetterdienste waren sich überhaupt nicht einig. Während WetterOnline noch Regen und dichte Wolken zeigte, versprachen Yr, Meteoblue, DWD und Apple einen brauchbaren Morgen. Und ich? Ich war genauso unentschlossen.

Ohne Frage, der Wetterbericht hätte wohl auch besser sein können.

Soll ich den anderen wirklich schreiben, dass wir losfahren? Oder schlafen wir lieber aus? Ich starrte minutenlang in den Himmel. Im Halbdunkel hielt ich die geschlossene Wolkendecke sogar kurz für einen klaren Sternenhimmel. Irgendetwas fühlte sich allerdings komisch an.

Schließlich schrieb ich trotzdem in unsere WhatsApp-Gruppe: “Ich glaube, wir sollten es versuchen.” Keine große Überzeugung. Mehr Hoffnung. Kurz darauf meldete sich Horst: “Mir ist das zu bewölkt. Ich wünsche euch aber eine tolle goldene Stunde.” Na super. Jetzt war ich noch unsicherer.

Trotzdem los

Eigentlich hatte ich mich innerlich schon damit abgefunden, notfalls alleine loszufahren. Einfach, um später sagen zu können: „Okay, war nichts.“ Doch kurz bevor ich das Rad schnappte, hörte ich Sarah im Treppenhaus. Wenig später stand auch Jürgen bereit. Perfekt.

Die letzten Handgriffe, bevor wir uns auf den Weg zum Grödner Joch machten.

Drei Rennräder. Drei Menschen. Eine Kamera. Denn diesmal war auch meine neue Nikon Z50 II mit dem Nikkor DX 16-55 mm f/2.8 dabei. Eigentlich hatte ich sie genau für solche Touren gekauft. Klein genug fürs Rennrad, aber trotzdem mit der Bildqualität, die ich von Nikon gewohnt bin. Jetzt sollte sie zeigen, was sie kann.

Die ersten Meter

Mit neun Minuten Verspätung (ist ja fast nix, vor allem wenn ich dabei bin) starteten wir um 5:24 Uhr von La Villa (Stern) in Richtung Grödner Joch. Ohne Frühstück – quasi voll nach Plan.

Schon nach wenigen Minuten war mir klar: Das wird gut. Diese Ruhe. Diese Luft. Leichter Nebel hing noch über dem Tal. Kein Motorrad. Kein Reisebus. Kein Autolärm. Nur das leise Surren der Freiläufe und unsere Reifen auf dem Asphalt.

Manchmal sind es genau diese Wolken, die aus einem guten Morgen einen besonderen machen.

Ich liebe genau diese Momente. Die Dolomiten wirken um diese Uhrzeit fast unwirklich. Als hätten wir die komplette Passstraße für uns alleine gemietet.

Dann kam die Sonne

Laut PeakVisor hätte sie noch ein paar Minuten auf sich warten lassen. Sie war schneller. Etwa sieben Minuten früher kroch das erste Licht über die Bergkante und tauchte die Felsen langsam in warmes Gold. Genau darauf hatte ich gehofft.

Sieben Minuten früher als berechnet – und schöner, als ich es mir erhofft hatte.

Und genau deshalb standen wir überhaupt so früh auf. Ab diesem Moment wechselten sich Fahren und Fotografieren ständig ab.

„Hier kurz anhalten.” „Noch einmal.” Kannst du die Kurve noch einmal fahren?” „Perfekt.” „Jetzt noch mal.” Sarah und Jürgen machten das mit einer bemerkenswerten Geduld mit. Zum Glück. Denn genau dabei entstanden später einige meiner Lieblingsbilder der gesamten Dolomitenreise.

Immer höher

Anstieg mit 8,17 km und knapp 600 Höhenmetern am Grödner Joch

Mit jedem Höhenmeter wurde die Landschaft beeindruckender. Hinter jeder Kurve wartete ein neues Motiv. Mal öffnete sich der Blick ins Tal, mal rückten die Felswände immer näher. Eigentlich hätten wir alle paar hundert Meter wieder anhalten können.

Bis kurz vor der Passhöhe überholten uns vielleicht drei Autos. Mehr nicht.

Erst ganz oben tauchte noch ein Sportwagen auf, dessen Auspuff vermutlich das komplette Tal geweckt hat. Genau wegen solcher Fahrer wünschen sich viele Einheimische inzwischen Einschränkungen auf einigen Pässen. An diesem Morgen spielte das zum Glück kaum eine Rolle. Die allermeiste Zeit hatten wir die Straße für uns allein.

Komplett leere Passstraße früh morgens um mittlerweile 6:13 Uhr in Alta Badia – nur wir
Die Sonne kommt langsam hinterm Berg hervor und wirft lange Schatten.
Unglaubliche Ruhe morgens auf der Passstraße
Jürgen mit dem Trek Domane früh morgens am Passo Gardena
Grödner Joch – hier war ich halt auch schon Ski fahren: Skisafari in den Dolomiten
Angenehme Ruhe vor dem Anstrum auf die Passstraße

Fotografenherz

Ab jetzt verlor ich ehrlich gesagt ein bisschen jedes Zeitgefühl. Wir fuhren ein Stück. Einer hielt an. Kamera raus. Wieder zurücklaufen. Noch einmal fotografieren. Dann wieder aufs Rad. Die nächste Kurve. Das nächste Licht. Die nächste Idee. Genau so liebe ich Fotografie. Nicht geplant bis ins letzte Detail, sondern einfach im Moment entstehen lassen.

Sarah unterwegs am Passo Gardena
Neuer Asphalt auf der Passstraße
Kehrengenuss beim Klettern am Grödner Joch
Sarah auf ihrem Roadbike vor der imposanten Bergkulisse der Dolomiten
Noch wenige Kehren bis zur Passhöhe – und eine Verkehrslage, die ungestörtes, fotogenes Fahren erlaubt.
Jürgen unterwegs am Passo Gardena

Dass Sarah und Jürgen jede spontane Idee mitgemacht haben, war alles andere als selbstverständlich. Wenn ich rief: „Könnt ihr die Kurve noch einmal fahren?“ oder „Bleib mal genau da stehen!“, gab es höchstens ein Grinsen – und dann wurde eben noch einmal gefahren.

Sarah ganz chillig auf dem Weg zur Spitze
Jürgen und Sarah in der letzten oder vorletzten Kehre vor der Passhöhe mit feinstem Streiflicht
Sarah ganz chillig auf dem Weg zur Spitze

Oben angekommen

Für viele ist das Grödner Joch ein Pass wie viele andere in den Dolomiten. Für mich fühlt er sich morgens völlig anders an. Vielleicht, weil fast niemand unterwegs ist. Vielleicht, weil das Licht alles verändert. Wahrscheinlich beides.

Done. Jürgen rollt oben über die Kuppe vom Grödner Joch
Done, too. Sarah rollt oben über die Kuppe vom Grödner Joch
Sarah und Jürgen oben am Passo Gardena

Zurück ins Tal

Die Abfahrt nutzten wir natürlich ebenfalls zum Fotografieren. Eigentlich hätte man denken können, wir hätten den ganzen Tag Zeit.

Dabei wartete unten schon das Frühstück – und später die Heimreise. Gegen halb neun rollten wir wieder an der Ferienwohnung ein.

Jürgen bei der Abfahrt am Passo Gardena – mein Bild des Tages, falls jemand fragt.
Sarah genießt die Abfahrt vom Grödner Joch nach La Villa

Während wir die Räder abstellten, begann dort gerade die zweite Schicht. Horst, Micha und Mel machten sich jetzt ebenfalls auf den Weg Richtung Grödner Joch.

Frühstück nach der Sunrise Runde in der Ferienwohnung

Wir dagegen packten das Auto, frühstückten in Ruhe und bereiteten die Heimfahrt vor. Oder zumindest die anderen. Ich konnte natürlich nicht widerstehen. Die Speicherkarte wanderte direkt in den Laptop.

Der Moment der Wahrheit

Eigentlich kenne ich dieses Gefühl. Fast nach jedem Shooting. Während des Fotografierens sieht auf dem Kameradisplay alles irgendwie mittelmäßig aus. Man fragt sich ständig, ob das wirklich funktioniert hat. Genau so ging es mir auch diesmal. Aber ich will doch liefern: Leistungsdruck. Ich importierte die Bilder zunächst in Photo Mechanic. Die erste Auswahl. Dann Capture One. Und mit jedem Bild wurde mein Grinsen etwas breiter. Die Zweifel vom frühen Morgen waren plötzlich komplett verschwunden.

Fazit

Für viele war es wahrscheinlich einfach nur eine kurze Rennradtour vor dem Frühstück. Für mich war es einer dieser seltenen Morgen, an denen plötzlich alles zusammenpasste.

Das Licht.
Die Landschaft.
Die leeren Straßen.

Zwei Fahrradmenschen, die jede spontane Fotoidee mitgemacht haben. Und eine Kamera, die genau das eingefangen hat, was sie sollte.

Huch, da bin ja ich: irgendwo zwischen Radfahren und Fotografieren

Genau deshalb schleppe ich auch auf Rennradtouren immer wieder eine Kamera mit. Nicht, weil jeder Sonnenaufgang spektakulär ist, sondern weil manchmal einer dabei ist, den man nie wieder vergisst.

Wie gefallen dir die Motive?

In meiner Lieblingsbildergalerie findest du weitere Aufnahmen. Wenn dir ein Motiv besonders gefällt, kannst du es dort direkt als hochwertigen Fotoabzug oder Fine-Art-Print bestellen. Vielleicht findet eines der Bilder ja schon bald einen Platz an deiner Wand. Einfach mal stöbern.

Inspiration: Abfahrt in den Dolomiten
Inspiration: Happiness in den Dolomiten
Hier gehts zu meiner Lieblingsbildergalerie

2 Kommentare zu „Sunrise am Grödner Joch“

  1. Christian du bist der Knaller! Ich habe drei Zeilen gelesen und war sofort gedanklich auf dem Grödner Joch. Richtig cool wie du das machst! Vielen lieben Dank dafür. ‍♂️⛰️

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